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Wir finden: Archäologie kann ein wertvoller Bestandteil des Geschichtsunterrichtes in Schulen sein. Wie aber vermittelt man Kindern Archäologie? Ab wann fängt man am besten damit an? Und kann man bereits im Kindesalter dafür sorgen, dass auch später Archäologie als eine wichtige Wissenschaft anerkannt wird und eben nicht nur "Abenteuer & Schatzsuche" bedeutet? "Viele Interessen, denen wir als Jugendliche und später Erwachsene nachgehen, bzw. Meinungen, die wir zu einer Sache entwickeln, gehen unterbewusst schon auf (früh-)kindliche Prägungen zurück.", weiß Archäologin Carmen Dietz-Rödel (M.A.) und war so nett uns von ihren Erfahrungen zu berichten und ein paar Fragen zu beantworten. Hierfür ein großes Dankeschön unsererseits!

Betreten des Grabungsgeländes für Kinder erlaubtKinder kommen mit Archäologie noch selten in Kontakt. Selbst in Verlauf weiterer Schulbildung ist sie noch nicht überall ein Thema. Man könnte meinen das Wissen über unsere Geschichte sei aus der Decke getropft. Ich persönlich habe erst durch meine ehrenamtliche Mitarbeit beim LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland begonnen zu verstehen, was Archäologie wirklich bedeutet. Zuvor verband ich Archäologie zwar mit Leuten, die Sachen ausgraben und anhand derer die Vergangenheit erforschen, jedoch war mir nie wirklich bewusst, dass Archäologie auch tagtäglich vor unserer eigenen Haustüre stattfindet. Ich habe mir daher einige Fragen dazu gestellt, wie man bereits möglichst früh Archäologie als Thema vermitteln kann, die ich gerne an Dich, liebe Carmen, richten möchte:

Bergische Historiker: "Kinder verbinden Archäologie oftmals noch mit einem Abenteuer. Wie vermittelt man ihnen allerdings auch den wissenschaftlichen Aspekt, und ist das überhaupt schon sinnvoll?"

Carmen Dietz-Rödel: "Ich selber fange tatsächlich schon im Kindergartenalter an, die Kinder dahingehend zu sensibilisieren, dass ich eben keine Abenteuerin bin, sondern einen verantwortungs­vollen Beruf ausübe. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern spielerisch.

Viele Interessen, denen wir als Jugendliche und später Erwachsene nachgehen, bzw. Meinungen, die wir zu einer Sache entwickeln, gehen unterbewusst schon auf (früh-)kindliche Prägungen zurück. Sei es, dass es uns Erwachsene in unserem Umfeld vorleben oder sogar anerziehen. Nicht umsonst heißt das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Die Arbeit mit Kindern in diesem Alter ist aus zwei Gründen besonders spannend: zum einen, weil sie noch unvoreingenommen an Dinge herangehen und keine Angst vor „dummen“ Fragen haben, zum anderen, weil ihnen im Grund noch ein ausgeprägter Zeitsinn fehlt. Mit den trockenen Zeitspannen archäologisch-historischer Kulturen können sie (noch) nichts anfangen. Das heißt aber auch, dass man hier die Chance hat, überhaupt erstmal so etwas wie ein Gefühl für die große Zeitspanne der menschlichen Geschichte aufzubauen. Die Kinder können bei mir, z.B. an Hand einer „Straße durch die Zeit“, erfahren, dass manche Dinge sehr lange brauchten, gleichzeitig in den letzten 100 Jahren aber z.B. sehr viele Entwicklungsschritte gemacht wurden. Bei einem Zuordnungs-Spiel mit Alltagsgegenständen in ihrer heutigen und einer archäologisch überlieferten Form, lernen sie, dass manches starken Veränderungen und Anpassungen unterworfen ist, während andere Dinge schon seit langer Zeit fast unverändert genutzt werden. Ganz ähnlich kann man dies auch mit typologischen Reihen z.B. zur Entwicklung des Fahrrads, des Telefons, aber auch des Beils vermitteln.

Auf diese Weise wird Geschichte und Archäologie weniger theoretisch und bekommt einen Bezug zur heutigen Lebensrealität der Kinder. Gleichzeitig fangen die Kinder aber auch an zu hinterfragen, woher ich denn all diese Dinge kenne und mich mit ihrer früheren Nutzung auskenne. Spätestens wenn ich dann noch meinen Arbeitskoffer auspacke und erzähle, was ich alles fast täglich brauche und wie viele Arbeitsschritte es benötigt, um diese Erkenntnisse zu gewinnen, verstehen die meisten, dass hier sehr viel Arbeit dahintersteckt. Die dann im Übrigen auch schon mal mit einem „langweilig“ kommentiert wird und so jedweden Abenteuercharakter von jetzt auf gleich verliert.

Und diese Arbeit lasse ich Kindergarten- und Grundschulkinder in meinem am besten gebuchten Programm „Einmal Archäologe sein“ gerne auch mal selber machen. Dass dieses Programm so gut läuft, geht sicher auch auf den Ruf der Archäologie zurück spannend zu sein und die Chance auf Schätze zu bieten. Und doch merken die Kinder bald, dass man sich auch über ein paar Tonscherben wie über einen Schatz freuen kann. Um dann kurz darauf enttäuscht festzustellen, dass ja ganz viele Teile für ein komplettes Gefäß fehlen. Und während sie diese nun ähnlich der Arbeit eines Restaurators mit Gips ergänzen und anpassen dürfen, habe ich gleich wieder zwei grundlegende Dinge der Archäologie vermittelt: Wir legen Tag für Tag nur Puzzelstücke unserer Vergangenheit frei, von der trotzdem an vielen Stellen große Stellen weiß bleiben werden. Und bis aus diesen Puzzelteilen ein im Museum oder auch im Unterricht vermittelbares Stück Geschichte wird, steckt viel Arbeit dahinter.

Von daher finde ich einen frühen Ansatz zur Vermittlung des wissenschaftlichen Aspekts der Archäologie an Kinder auf jeden Fall sinnvoll und lebe ihn ja selber schon seit vielen Jahren. Denn die Kinder von heute sind die Bauherren, Entscheidungsträger, Ehrenamtliche oder aber auch die Schatzsucher von morgen. Und wenn die sich dann als Erwachsenen bei der Berührung mit der Archäologie nur ein klein wenig an den Tag mit mir zurück erinnern und sei es nur als ein positives unterbewusstes Gefühl, dann hat die Archäologie im Grund doch schon (an Stellenwert) gewonnen."Bildergeschichte

 

Bergische Historiker: "Wie sieht es mit Jugendlichen aus? Geschichtsunterricht in Schulen gleicht häufig immer noch einem reinen Auswendiglernen von Daten und Fakten. Was könnte die Einbindung des Themenabschnittes "Archäologie" leisten?"

Carmen Dietz-Rödel: "Nun, tatsächlich hat die Archäologie in einigen Bundesländern heute schon als historisches Fach meist in den gymnasialen Unterricht Einzug gehalten. Dies geschieht auf die vielfältigste Weise, von den Projekttagen zu einem archäologisch angehauchten Thema, über AGs bis hin zu Wahl-/Pflichtfächern in der Sekundarstufe II bzw. gymnasialen Oberstufe mit verbindlichen Lehrplänen. Und das übrigens auch nicht erst seit einigen Jahren. Als ich anno 1992 in Ulm mein Abitur machte, ärgerte ich mich, als ich in der Zeitung las, dass in einem benachbarten Ort ab dem Folgeschuljahr „Archäologie“ Unterrichtsfach in einem dortigen Gymnasium sein würde. Ich habe daraufhin tatsächlich eine Zeitlang überlegt, ob ich nicht selber Archäologie auf Lehramt studieren bzw. nach dem Archäologiestudium noch die Lehrbefähigung erwerben sollte. Ich hatte allerdings Bedenken, ob ich damit überhaupt eine Anstellung bei einer Schule finden würde. Mittlerweile ist das Angebot dichter, wobei gleichzeitig das Lehramtsstudium „Archäologie“ vielerorts wieder dem Rotstift zum Opfer gefallen ist.

Ich will jetzt aber keine Diskussion vom Zaun brechen, ob es sinnvoller ist Archäo­logen ohne pädagogischen Hintergrund oder Geschichts- oder gar Lateinlehrer mit nur rudimentären Archäologiekenntnissen hierfür einzusetzen. Wünschenswert wäre sicherlich die Kombination, um sowohl die Pädagogik, als auch die Archäologie fachlich fundiert abzudecken und so das bestmögliche Ergebnis für die interessierten Schüler und das große Gebiet der Geschichtsvermittlung zu erzielen.

"Im Geschichtsbuch ist es immer anders, als wenn man es selbst erlebt." - Kommentar eines Schülers zu einem außergewöhnlichen Geschichtsprojekt.

Generell sehe ich die Archäologie aber auf jeden Fall als sinnvolle Ergänzung zum Geschichts­unter­richt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Zum einen werden die Epochen der Ur- und Frühgeschichte in den Geschichts-Lehrplänen der meisten Bundesländer immer weiter zusammengekürzt, was an der Realität der Kulturentwickung und der Entstehung unserer Gesellschaft vorbeigeht. Zweitens basieren unsere Kenntnisse über diese Kulturentwicklung nicht nur auf schriftlichen Quellen, sondern gerade auch die archäologischen Quellen tragen einen großen Anteil zu unserem Wissen über frühere Zeiten bei. Und das nicht nur für die schriftlosen Epochen. Drittens kann Archäologie dazu beitragen Kulturentwicklung im wahrsten Sinne des Wortes „begreifbar“ zu machen. Geschichte, geschichtliche Abläufe, der Weg zu Entdeckungen oder Entwicklungen kann haptisch erfahren werden. Sei es, dass Museumskoffer mit Originalartefakten zum Anfassen und Replikas zum selber probieren zum Einsatz kommen, Kinder einmal selber Mehl für ausreichend Brot für die ganze Klasse nach steinzeitlichen Methoden mahlen oder eine ganze Projektgruppe in römischer Legionärsmontur in 10 Tagen die Alpen überquert. Letzteres ging erst jetzt im August für eine Schülergruppe aus Murnau zu Ende und was fasst die Möglichkeiten der Archäologie für den Geschichtsunterricht besser zusammen, als dieses Statement eines Teilnehmers: „Im Geschichtsbuch ist es immer anders, als wenn man es selbst erlebt“.

 

"Einen besonderen Bezug zur Geschichte, kann in meinen Augen übrigens im Grunde jedes Artefakt herstellen, dass nicht nur leblos in einer Vitrine liegt, sondern mit einer Geschichte hinterfüttert wird." - Carmen Dietz-Rödel zur Frage, ob besondere Artefakte, wie ein echter Schädel, dazu dienen können, bei Kindern und Jugendlichen einen besonderen Bezug zum wissenschaftlichen Wert solcher Objekte zu vermitteln.

Bergische Historiker: "Hier eine etwas längere Frage: Ich könnte mir vorstellen, dass wenn man Jugendlichen einen echten menschlichen Schädel "zum Anfassen" gibt, man mittels dieses besonderen Objektes einen besonderen Bezug zu Geschichte herstellen kann, eben dadurch, dass man "begreiflich" macht, dass es sich um einen echten Menschen mit echter Geschichte gehandelt hat. Ihnen stattdessen eine, durch eine Vitrine betrachtete, Speerspitze zu zeigen und zu versuchen ihnen begreiflich zu machen, dass es sich um eine Waffe gehandelt hat, mit der einst Menschen getötet wurden, erscheint mir schwieriger. Natürlich sollte dies in einer gesonderten Führung und mit größtem Respekt geschehen und keine "Sensationsdarbietung" sein. Was hältst Du davon?"

Carmen Dietz-Rödel: "Puh, ganz schwieriges Thema. Schon von Berufs wegen habe ich kein Problem damit auch mit menschlichen Knochen zu hantieren. Ich weiß aber auch aus der Erfahrung, dass das nicht allen so geht. In der Vermittlung an Jugendliche müssten dann auch nicht nur etwaige Berührungsängste der Teilnehmer selbst berücksichtigt werden, sondern es gibt auch Eltern, die eine so direkte Konfrontation nicht wünschen. Gründe dafür gibt es verschiedene: angefangen bei der Angst vor der Auseinandersetzung mit unser aller Sterblichkeit, über religiöse und kulturelle Vorgaben zum Umgang mit Toten, bis hin zur schlichten Pietät.

ScherbenpuzzleUnd das ist tatsächlich auch mein Punkt, warum ich nie einen echten menschlichen Schädel einpacken, mit in eine Schule nehmen und dann einmal herumreichen würde. Es war nun mal, wie du richtig festgestellt hast, einmal ein echter lebender Mensch, dem man auch heute noch mit einer gewissen Achtung und Sorgsamkeit begegnen sollte.

Was übrigens nicht bedeutet, dass ich gegen eine generelle Ausstellung von menschlichen Überresten in Museen bin. Der achtungsvolle Umgang macht da den Unterschied: Wenn ich einen Schädel zwischen Jugendlichen herumreiche, kann ich darauf warten, bis einer anfängt das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Wahrscheinlich nicht mal so sehr aus Respektlosigkeit, sondern vielmehr als Kompensation eines Unwohlseins, das aber nicht gezeigt werden soll. Im Museum ist ein ausgestelltes Skelett dagegen in der Regel Bestandteil eines dargestellten Befundkomplexes, also meist eines Grabes. Es geht hier nicht um die Zurschaustellung im Sinne von „Schaut, so sehen Knochen aus“, sondern um die Vermittlung von Inhalten, wie der Beigabenkultur, der damaligen Mode oder auch medizinischer Kenntnisse der Zeit. Und auch um die Vermittlung der archäologischen Methode, wenn man erläutert, wie Wissenschaftler auf Grund von Fundlage zum Skelett, Heilungsspuren und ähnlichem die religiösen Glaubenswelten, materiellen Ausstattungen und auch medizinischen Kenntnisse früherer Epochen zu rekonstruieren versuchen.

Den besonderen Bezug zur Geschichte, kann in meinen Augen übrigens im Grunde jedes Artefakt herstellen, dass nicht nur leblos in einer Vitrine liegt, sondern dass mit einer Geschichte hinterfüttert wird, die auch Bezug zum aktuellen Lebensumfeld des Betrachters herstellt. Das funktioniert ganz gut über Vergleiche, wenn z.B. die im Experiment ermittelte Herstellungsdauer auf einen durchschnittlichen Arbeitstag hochgerechnet wird oder über, bei Möglichkeit, auch etwas selber zu machen, wie z.B. Feuer zu schlagen. Selbst das mit eigenen Händen spüren, wenn z.B. mal ein schweres Holzschild herumgereicht wird mit der Aufforderung es ruhig einmal ein paar Minuten hochzuhalten und dann erzählt man, dass römische Krieger das manchmal tagtäglich über kilometerweite Strecken getragen haben, lässt Geschichte lebendig werden."

 

Bergische Historiker: "Es gab im Mai eine Meldung zweier Studienräte / Geschichtslehrer, die ihren Schülern Archäologie durch die Metalldetektion näher bringen wollten (siehe hier: http://www.onetz.de/weiden-in-der-oberpfalz/vermischtes/zwei-studienraete-mit-metallsuch-detektoren-unterwegs-blindgaenger-oeffnet-augen-d1668583.html). Sollte Archäologie für Schüler stets ein theoretischer Part sein oder kann man auch aktive Einbindung anbieten? Und ist die gewählte Form der Studienräte eine sinnvolle gewesen?"

Carmen Dietz-Rödel: "Jetzt muss ich tatsächlich erst einmal ganz tief Luft holen! Du weißt, dass ich nicht zu den Archäologen gehöre, die das Sondengehen durch Laien per se verteufeln. Und hier bei uns in Bayern, wo sich die geschilderte Geschichte zugetragen hat, ist das Sondengehen rechtlich gesehen, im Vergleich zu manch anderen Bundesländern, auch fast noch als einfach anzusehen. Ganz so leicht, wie es in dem Artikel dargestellt wird, ist es aber doch nicht. Dir brauche ich ja nicht erklären, dass Bodendenkmäler die dumme Angewohnheit haben, auch schon mal außerhalb bekannter Flächen aufzutreten. Hinzukommt, dass auch in Bayern selbst im öffentlichen Bereich außerhalb bekannter Bodendenkmäler die Suche mit der Sonde tatsächlich nur für obertägige Funde zulässig ist. Sobald man auch nur wenige Zentimeter gräbt braucht man die Erlaubnis des Grundstückeigners, muss andere gesetzliche Vorgaben, wie z.B. den Naturschutz oder lokale Verordnungen, beachten und gegebenenfalls bei Aufdeckung eines bisher unbekannten Bodendenkmals umgehend sämtliche Arbeiten einstellen und die zuständigen Stellen informieren. Ich kann jetzt nicht beurteilen, ob hier der Reporter in diesem Zusammenhang gekürzt hat oder ob auch die genannten Studienräte nur ein selektives Wissen über die rechtlichen Hintergründe verbreiten.

Leider kommt in diesem Artikel ebenfalls nicht heraus, ob die beiden Lehrkräfte vielleicht sogar in ein Ehrenamtlichenprogramm des bayrischen Landesamts für Denkmalpflege eingebunden sind. Hier wird in manchen Regionen mittlerweile schon wieder sehr vorbildlich archäologisches Grundwissen an Laien vermittelt, damit diese eben z.B. überhaupt in der Lage sind im freien Gelände ein bisher unbekanntes Bodendenkmal als solches zu erkennen. Unwissenheit schützt ja bekanntlich nicht vor Strafe und leider schon gar nicht vor der unwiederbringlichen Zerstörung nur noch archäologisch fassbarer Geschichte. Und ich frage mich halt, wie ggf. ein Geschichts- und Deutschlehrer bzw. ein Lehrer für Erdkunde und Englisch Jugendlichen vermittelt, woran sie einen archäologischen Befund erkennen, bevor sie Schaden anrichten. Sind die beiden selber entsprechend geschult und sensibilisieren sie die Kinder dahingehend, könnte ich mit diesem Ansatz gerade noch leben, auch wenn ich ihn nicht als den glücklichsten bezeichnen würde. Anderweitig bereitet er mir tatsächlich sogar Bauchschmerzen.

"Der reine Gang mit der Sonde ist für mich zu selektiv." - Carmen Dietz-Rödel zur Frage, ob das Sondengehen für sich alleine das Interesse an Geschichte und Archäologie fördert.

Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht. Wie ich weiter oben schon erläutert habe, sehe ich -wie der Lehrer- in der Archäologie die Möglichkeit trockenes Geschichtswissen und auch die Geschichtsforschung mit Leben zu erfüllen. Aber der reine Gang mit der Sonde ist für mich zu selektiv. In der Summe genommen hinterließ nämlich nur ein Bruchteil aller historischer Vorgänge überhaupt Metallfunde. Die archäologische Grabungsrealität sieht sogar so aus, dass ganz häufig eine Vielzahl an Befunden, in der Regel Erdverfärbung, aber auch Mauern, Bohlenwege u.v.m, die Anwesenheit von Menschen zwar belegen, diese aber nur ganz wenig, oft sogar gar kein Fundmaterial enthalten. Stellen sie deswegen keinen Teil der Geschichte dar? Im Gegenteil, auch diese menschlichen Hinterlassenschaften erzählen uns sehr viel über frühere Gesellschaft: darüber z.B., wie man mit Abfall umgegangen ist, dass es die Mentalität der „Wegwerfgesellschaft“ über lange Zeiten wohl nicht gab und auch, dass materieller Besitz für die Menschen anscheinend sehr wertvoll war und man darauf achtete ihn nicht zu verlieren.

Aktive Einbindung auch schon von Jugendlichen in die Archäologie ist auf jeden Fall möglich und wahrscheinlich auch sinnvoll, soll sie nicht nur zu einem weiteren trockenen Geschichtsgebiet verkommen. Aber bitte nicht selektiv. Archäologie ist eine Wissenschaft, die sich mit sämtlichen gegenständlichen Hinterlassenschaften und darauf basierend mit der kompletten kulturellen Entwicklung der Menschheit befasst. Sie beginnt nicht mit den Metallzeiten und endet auch nicht mit Einsetzen der schriftlichen Überlieferungen.

Besuch auf einer GrabungNur wie das vermitteln? Ich würde mir hier mehr Kooperationen zwischen Schulen und Fachkräften wünschen. Warum soll die Gruppe von 15 Schülern nicht auch mal einen Tag oder länger an einer Grabung teilnehmen, Befunde ausnehmen, Funde reinigen und vorsortieren, bei der Dokumentation helfen. OK, das bedarf etwas Vorbereitung und je nach Alter sind auch so Dinge wie der Jugendarbeitsschutz zu beachten. Aber es ist prinzipiell möglich und wurde von mir auch schon erfolgreich praktiziert. Ähnliches gilt für Museen. Auch hier ist der Blick hinter die Kulissen, die Einbindung in eine Ausstellungsentwicklung, die Inventarisierung u.v.m. durchaus möglich und zwar nicht nur als individuelles Praktikum. Voraussetzung für alle solchen Angebote:

  • Die Gruppen sollten nicht zu groß sein, lieber auf zweimal kommen, als mit dem gesamten Klassenverband.
  • Auch die Vermittlung muss als Aufgabe der Wissenschaft verstanden werden, für die Ressourcen, also in erster Linie Zeit und damit verbunden auch Geld bereitzustellen sind.
  • Schule und Wissenschaftsbetrieb (da schließe ich die Ausgrabung durchaus mit ein) sollten sich vorher über die zu vermittelnden Ziele abstimmen.

Und alles, was in den Bereich experimentelle Archäologie und Reenactment fällt, macht Geschichte sowieso lebendig und begreifbar. Nur bitte auch hier aufpassen, dass das Ganze ausgewogen bleibt. Viele archäologische Experimente sprengen auf Grund des zu verwendenden Materials den möglichen Zeitaufwand, das Budget aber auch die sicherheitsrelevanten Rahmenbedingungen einer schulischen Veranstaltung. Wenn jetzt vorschnell auf „halt was ähnliches“ ausgewichen wird, verliert sich umgekehrt rasch der zu vermittelnde wissenschaftliche Charakter. Das heißt nicht, dass beides nichts in einer schulischen Veranstaltung zu suchen hat, aber bitte gründlich ausgewählt und wenn man z.B. auf moderne Materialien ausweicht, dann vielleicht ergänzt durch einen Museumskoffer, der den Schülern ermöglicht Originale oder aus originalen Materialien angefertigte Replikas auch einmal mit ihren Werkstücken zu vergleichen.



Carmen Dietz-Rödel M.A.Carmen Dietz-Rödel ist Archäologin und studierte von 1992 bis 1998 Vor- und Frühgeschichte, vergleichende Religionswissenschaft und Ethnologie in Bonn mit Magisterabschluss. Sie war schon als Studentin und später auch als verantwortliche Grabungsleitung an verschiedenen Grabungsprojekten in Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg, und Bayern beteiligt. Parallel zur Forschung ist ihr seit dem Studium der Bereich der Vermittlung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, vor allem auch an Kinder, sehr wichtig. Als Mutter zweier kleiner Kinder ist sie mittlerweile freiberuflich als Archäologin und Museumspädagogin an Kindergärten und Schulen tätig. Zusätzlich verbloggt sie ihre privaten musealen Erlebnisse, um anderen Eltern Mut zum Kulturerlebnis mit Kind zu machen.

 

 

 

 

Mehr Informationen zu Carmen Dietz-Rödel (M.A.) und ihrem Angebot finden Sie hier:

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www.erlebnisarchaeologie-bayern.de

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